Österreichisches Deutsch und andere Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa
edited by Rudolf Muhr, Richard Schrodt
Vorträge der 2. Internationalen Arbeitstagung zum Österreichischen Deutsch, vom 25.-26. Oktober 1996 an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Keywords: Austrian German, Österreichisches Deutsch
Language(s) dealt with: German
Details
published by Hölder-Pichler-Tempsky (Vienna)
September 1, 1997 | 419 pages | ISBN 3-209-02440-5
Table of Contents
by Rudolf Muhr, Richard Schrodt
Österreichisches Deutsch, Plurizentrik des Deutschen, Empirische Analysen, Nationale Sprachvariation | pp. I – VI |
Resolution zur Gesetzes-Initiative, wonach Einbürgerungswillige ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen müssen, um die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten
by Rudolf Muhr, Richard Schrodt
Resolution, Deutschkenntnisse, Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft | pp. 7 – 8 |
Nationale Varianten, areale Unterschiede und der „Substandard“: An den Quellen des Österreichischen Deutsch
by Richard Schrodt
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plurizentrische Sprache, Sprachtheorie, Substandard | pp. 12 – 39 |
Meine zentrale These ist, daß die Diskussion um das Österreichische Deutsch (im Folgenden mit ÖD abgekürzt) ein wissenschaftssoziologisches Phänomen ist und daß ein großer Teil der Streitpunkte darauf zurückzuführen ist, daß in der wissenschaftlichen Argumentation objektsprachliche Fakten und deren Bewertungen nicht unterschieden werden. So entsteht auf sprachwissenschaftlicher Ebene eine Art „Sprachrealismus“, der auf anderem Gebiet zu Vorurteilen über die „richtige Sprache“ führt. Ich werde dafür plädieren, daß diese Diskussion genau auf dieser wissenschaftssoziologischen Ebene geführt werden muß und daß sie auch argumentativ auf dieser Ebene geführt werden kann.
Zur Terminologie und Methode der Beschreibung plurizentrischer Sprachen und deren Varietäten am Beispiel des Deutschen
by Rudolf Muhr
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plurizentrische Sprache, Sprachtheorie, Methoden der Beschreibung, Terminologie | pp. 40 – 67 |
Diese Arbeit versucht zu der seit Mitte der 80-iger Jahre mit M. Clynes Buch (Clyne, 1984) über die Plurizentrizität des Deutschen begonnene Diskussion um die nationalen Varietäten des Deutschen aus meiner Sicht einige terminologische und beschreibungstheoretische Überlegungen beizusteuern. Das geschieht vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Diskussion, die in den letzten drei Jahren stattgefunden hat und nicht zuletzt durch das Internationale Colloquium zum Österreichischen Deutsch (Mai 1995) und das Buch von Ammon (1995) intensiviert wurde. Auch bedarf die dabei zutage getretene Lust mancher Diskutanten, fehlende theoretische Grundlagen durch Etikettierungen anderer Forschungsansätze scheinbar auszugleichen und auch die unter Wissenschaftlern sonst unübliche Praxis, schon widerlegten Argumenten und Behauptungen durch trotziges Wiederholen, Wahrheitsgehalt zu verleihen, einer zusammenfassenden und abschließenden Antwort. Die Diskussion hat auch gezeigt, daß es einen großen Mangel an umfassenden empirischen Arbeiten über die Sprachwirklichkeit in Österreich (und der anderer Varietäten) gibt und viele der aufgestellten Behauptungen entweder auf persönlichen Beobachtungen oder auf bestimmten ausgewählten Beispielen beruhen. Zu wünschen wäre daher, daß das Hauptaugenmerk der (österreichischen) Variationslinguistik künftig vor allem der empirischen Erkundung der Varianten des Österreichischen Deutsch gilt und nicht wie bisher dem Versuch, seine Nichtexistenz nachzuweisen
Gedanken zum Österreichischen Deutsch als Teil der “pluriarealen” deutschen Sprache)
by Heinz Dieter Pohl
Österreichisches Deutsch, Deutsch als pluriareale Sprache, Sprachtheorie | pp. 67 – 88 |
Die areale Vielfalt des Deutschen, “über die in der Fachwelt heute bis zu einem gewissen Grad Konsens besteht” (Ammon 1996:157), ist u.a. dadurch geprägt, daß die deutsche Sprache in verschiedenen Staaten gesprochen wird und sie somit mehreren Nationen als Kommunikationsmittel dient. Die politischen Grenzen zwischen den einzelnen deutschsprachigen Ländern stimmen nicht mit den Arealen der Großdialekte überein, daher ergeben sich für das Deutsche drei Einteilungskriterien: ein “plurinationales” nach den Nationen (“mindestens trinational”, Ammon 1996:159), ein “pluriareales” nach den Hauptmundarten und ein “plurizentrisches” nach den Zentren der einzelnen Staaten (bis hinunter zu den Verwaltungszentren der einzelnen Länder). Allerdings sei vorausgeschickt, daß die meisten Vertreter des plurizentrischen Ansatzes diesen mit dem plurinationalen vermengen oder gar gleichsetzen. Dies trifft v.a. auf einige österreichische Germanisten und Linguisten zu, z.B. R. Muhr und W. Pollak (†), die eine “österreichische Varietät” der “deutschländischen” gegenüberstellen und dabei einer Auseinandersetzung mit der österreichischen und bundesdeutschen sprachlichen inneren Gliederung weitestgehend aus dem Wege gehen.
Die österreichische Literatursprache – Wie entstehen die Normen einer plurizentrischen Standardsprache? Ergebnisse einer AutorInnenbefragung
by Rudolf Muhr
Österreichisches Deutsch, Sprache der Österreichischen Literatur, AutorInnenbefragung | pp. 88 – 116 |
Die vorliegende Arbeit stellt ausgewählte Ergebnisse eines größeren Projekts zur Sprache der österreichischen Literatur dar, das im Herbst 1995 mit einer ersten Befragung von AutorInnen begann und im Sommer 1996 fortgesetzt wurde. Für die vorliegende Untersuchung gab es zwei Hauptgründe: 1. Das Fehlen entsprechender linguistischer Untersuchungen zur österreichischen Literatursprache 2. Überprüfung linguistischer und anderer Argumente, die gegen die Existenz einer österreichischen Literatur sprechen. Wenn sich ein Linguist auf die Frage nach der österreichischen Literatursprache/der Sprache der österreichischen Literatur einlässt, hat er dennoch allen Grund, eine entsprechende Erklärung über das Warum und das Erkenntnisinteresse an den Anfang seiner Arbeit zu stellen. Aufgrund der zentralen Stellung im Varietätengefüge des ÖD wäre also anzunehmen, dass entsprechende Untersuchungen vorliegen. Dies gilt umso mehr, als die „Österreichische Literatur“ als wichtiger Träger der kulturellen Identität angesehen wird und im Bereich der Auslandskulturpolitik eine zentrale Stellung einnimmt, wo österreichische Auslandslektoren beauftragt sind, deutsche Sprache und österreichische Literatur zu vermitteln. Mein Erstaunen war daher groß, als ich keine einzige wissenschaftliche Arbeit (weder Buch noch Artikel) österreichischer Herkunft finden konnte, die sich systematisch und aus globaler Perspektive mit der Sprache der österreichischen Gegenwartsliteratur auseinandersetzt. Es gibt lediglich einzelne Diplomarbeiten und Dissertationen (Salchner (1996), Fingernagel (1976), Held (1976)), die sich im Kontext von Übersetzungen mit dem Problem des Österreichischen Deutsch (ÖD) beschäftigen. Der erste Grund für die vorliegende Untersuchung ist, mögliche Antworten auf die Frage zu finden: „Warum gibt es zur linguistischen Seite der österreichischen Literatur keine wissenschaftlichen Untersuchungen?“ Ist es vielleicht, weil aus der kulturellen Innenperspektive heraus dazu keine Notwendigkeit gesehen wird oder keine Eigenmerkmale erkannt werden oder doch keine vorhanden sind? Auf diese Fragen soll hier jedoch nur kurz eingegangen werden, da das Hauptaugenmerk auf den Ergebnissen der AutorInnenbefragungen liegt.
“I glaub, daß es schon richtig ist, daß der österreichische Dialekt do muaß i sogn, holt bleibt“ – Einstellungen der ÖsterreicherInnen zu ihrem Deutsch
by Rudolf de Cillia
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plurizentrische Sprache, Spracheinstellungen der ÖsterreicherInnen | pp. 116 – 127 |
In einem Forschungsprojekt zur diskursiven Konstruktion der österreichischen Identität, das von September 1994 bis September 1996 am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien durchgeführt wurde, hat das Forschungsteam, neben vielen anderen Aspekten, auch die Frage untersucht, welche identitätsstiftende nationale Funktion die Sprache für die ÖsterreicherInnen hat. Dabei wurden drei Aspekte unterschieden: die Bedeutung der Staatssprache Deutsch, die identitätsstiftende Rolle der österreichischen Varietät des Deutschen und die Bedeutung der Sprachen der österreichischen Minderheiten. Im folgenden soll über den zweiten Aspekt berichtet werden, die Einschätzung des Österreichischen Deutsch durch die ÖsterreicherInnen. Zentrales Anliegen war daher, die unterschiedlichen Diskursformen und Inhalte, deren Funktion darin besteht, nationale Identitäten zu konstituieren, begrifflich zu erfassen und zu beschreiben. Eine Dimension unter vielen anderen war dabei die Sprache. Als Corpus für die diskursanalytische Untersuchung wurden dabei folgende Materialien verwendet: 1. Gedenkreden österreichischer PolitikerInnen rund um das 50jährige Jubiläum der Zweiten Republik im Mai 1995, 2. die Werbekampagnen vor der EU-Volksabstimmung im Mai 1994, 3. die Berichterstattung in einigen österreichischen Tageszeitungen zum Thema “Neutralitäts- und Sicherheitspolitik” unmittelbar vor der EU-Volksabstimmung im Mai 1994, 4. sieben in verschiedenen österreichischen Bundesländern durchgeführte Gruppendiskussionen und 5. ausführliche themenzentrierte Einzelinterviews. Die beiden letzten Materialien erfassen den halböffentlichen und privaten Diskurs, die ersten drei den öffentlichen und medialen Diskurs. Dabei werden folgende Aspekte diskutiert: Der Zusammenhang von Sprache und sogenannter österreichischer Mentalität, das Österreichische Deutsch in Speisekarten und Grußformeln, die Abgrenzungsfunktion des Österreichischen Deutsch gegenüber Deutschland und die Frage „Dialekt – Umgangssprache – Standardsprache“ – welcher Ebene wird das Österreichische Deutsch zugeordnet?
Österreichisches Deutsch und andere plurizentrische Sprachen der EU: das Beispiel Flanderns
by Christine Kasper
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plurizentrische Sprache, Belgisches Niederländisch, Flanders | pp. 127 – 147 |
Deutsch ist auf EU-Gebiet nicht die einzige plurizentrische Amtssprache der EU. Auch die folgenden Sprachen haben in mehr als einem EU-Land offiziellen Status: Niederländisch (Niederlande, Belgien), Französisch (Frankreich, Belgien), Englisch (Großbritannien, Irland), Schwedisch (Schweden, Finnland). Das Niederländische weist tatsächlich sehr große Parallelen zur deutschen Sprache auf, schon allein dadurch, dass in beiden Fällen die Sprache den Namen des größeren und im übrigen nördlich gelegenen Landes trägt. Die sprachlichen Unterschiede zwischen Flandern und den Niederlanden sind so markant, dass ein Sprachunkundiger schon nach kurzer Zeit einzig und allein am Tonfall feststellen kann, ob ein gerade eingeschalteter Radio- oder Fernsehsender flämisch oder niederländisch ist. Dennoch fällt keine einzige Isoglosse mit der politischen Grenze zusammen. Mein Beitrag beschreibt die Sprachsituation des niederländisch-sprachigen Teils Belgiens.
Österreichisch, Bairisch, Bayrisch, Deutschländisch – Beobachtungen zu Lexik und Idiomatik
by Joachim Grzega
Österreichisch, Bairisch, Bayrisch, Deutschländisch, Lexik, Idiomatik | pp. 147 – 171 |
Die folgende Arbeit behandelt ein in der Germanistik (und „Austriazistik“) bislang wenig beleuchtetes Problem, nämlich lexikalische und idiomatische Merkmale des Österreichischen im Vergleich zum Bayrischen. Als gebürtiger Bayer (wenn auch nicht als Baier, da aus dem fränkischen Treuchtlingen kommend) und aufgrund von Studien- und Urlaubsaufenthalten in Österreich habe ich immer wieder persönlichen Kontakt zu allen vier im Titel genannten Varietäten. Unterschiede im österreichischen Sprachgebrauch führten trotz der historischen Verwandtschaft zwischen „bayrischer und österreichischer Rede“ oftmals zu anekdotischen Situationen. Gerade deshalb werde ich zunächst auf die Frage nach dem Status des österreichischen Idioms eingehen müssen. Anhand einschlägiger Artikel wird man dabei bereits sehen, was die Eigenständigkeit des Österreichischen ausmacht (worüber es jedoch nach wie vor unterschiedliche Ansichten seitens der Experten gibt). In den beiden Hauptkapiteln soll dann jedoch thematisch auf für das Österreichische typische Wörter und Wendungen eingegangen werden, d.h. auf solche, die es vom Bundesdeutschen abheben. Wichtig ist dabei, daß es sich nicht um bloße Gleichungen handeln soll. Mittels Erläuterungen werde ich auf Fragen der Frequenz oder des Registers eingehen. An Stelle eines ausgeklügelten Systems an Auszeichnungen wie „umgangssprachlich“, „amtssprachlich“, „literarisch“, „gehoben“ etc., bei dem der Lexikon-Benutzer oftmals nur schwer entscheiden kann, wo sich die einzelnen Begriffe nun abgrenzen, beschränke ich mich auf den Gebrauch der Termini „mündlich“ und „schriftlich“ (wobei ich hier, wenn nicht eigens anderes erwähnt wird, die konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit meine und nicht die mediale), sowie „nähesprachlich“ und „distanzsprachlich“ (bekannte Terminologie nach den Romanisten Koch und Oesterreicher).
Zum Wortschatz des Österreichischen Deutsch – Empirische Daten
by Manfred Glauninger
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plurizentrische Sprache, Wortschatz | pp. 172 – 199 |
Im vorliegendem Artikel wird ein Ausschnitt aus jenen empirischen Daten referiert, die ich im Rahmen meiner Diplomarbeit gewonnen und ausgewertet habe. Das zwischen Juni und September 1996 erarbeitete Korpus umfasst 38.010 lexikalische Einheiten die durch die Befragung von 105 Gewährspersonen aus allen neun österreichischen Bundesländern erstellt wurden. Das soll der Forschung empirisch gewonnenes Belegmaterial zur in Österreich gebräuchlichen Lexik in die Hand geben und auf diese Weise konstruktiv zu einer objektiven Diskussion um das Österreichische Deutsch beitragen. Dies erfolgt vor dem theoretischen Hintergrund einer plurizentrischen Sprachauffassung des Deutschen, wie sie von Kloss, Clyne, Muhr, von Polenz und anderen formuliert und vertreten wird.
Das Präsensparadigma der starken Verben im Österreichischen Deutsch
by Flemming Talbo Stubkjær
Österreichisches Deutsch, Grammatik, Verbflexion, Präsensparadigma | pp. 199 – 211 |
Um an der von vielen verlangten Registrierung der tatsächlich vorkommenden Ausspracheformen teilzunehmen, nahm ich mir im Frühling 1996 vor, einen kleinen Teilbereich näher zu untersuchen. Es handelt sich um die Flexion gewisser starker Verben im Präsens Indikativ. Im folgenden werde ich die Ergebnisse dieser Untersuchung vorlegen. Ich werde die Methodik der Untersuchung erläutern und ihre Schwächen darlegen. Schließlich versuche ich, die Ergebnisse im Hinblick auf die Systematik der Verbflexion zu interpretieren. Ob die Untersuchung tatsächlich ein phonologisch/phonetisches Phänomen behandelt oder ein morphologisches, wird im folgenden erörtert.
Österreichische Ausspracheformen. Probleme der Kodizes.
by Hideaki Takahashi
Österreichisches Deutsch, Aussprache, Kodizes | pp. 211 – 227 |
Angesichts des heutigen Forschungsstandes der Soziolinguistik ist es überraschend, daß es an umfangreichen Untersuchungen der österreichischen Standardaussprache noch beträchtlich mangelt. Dies ist wohl ein Grund dafür, dass noch kein orthoepischer Kodex des Österreichischen Deutsch in Druck gegeben worden ist, der österreichische Ausspracheformen umfassend beschreibt. Einige Hinweise auf orthoepische Austriazismen werden allerdings in der 19. Auflage des Siebs gegeben. Außerdem wird auch im Österreichischen Wörterbuch (ÖWB) sowie im Duden Deutsche Rechtschreibung (Rechtschreib-Duden) partiell auf österreichische Ausspracheformen hingewiesen. In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Probleme der Sprachkodizes darlegen, indem ich anhand der Gegenüberstellung dieser Varianten Diskrepanzen in den Kodizes darstelle. Darüber hinaus werden einige österreichische Aussprachevarianten ins Bewusstsein gebracht werden, welche in den Kodizes nicht mitberücksichtigt, aber durch meine empirische Untersuchung ermittelt worden sind.
Überlegungen zur Phraseologie im Österreichischen Deutsch
by Csaba Földes
Österreichisches Deutsch, Phraseologie | pp. 227 – 243 |
In einem früheren Aufsatz habe ich eine systematische Beschreibung phraseologischer Spezifika im Österreichischen Deutsch und ihrer Unterschiede von der deutschländischen Phraseologie vorgelegt (Földes 1992). Eine weitere Arbeit (vgl. Földes 1996:32ff) erörtert verschiedene Aspekte der Kontrastierung der Phraseologie in den nationalen Varietäten Österreichisches Deutsch vs. Deutsch in der Bundesrepublik. Vor diesem Hintergrund sollen im folgenden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – einige zentrale Merkmale der österreichisch markierten Phraseologismen unter primär systemlinguistischem Ansatz erschlossen und in ihren systemhaften Beziehungen zur deutschländischen Phraseologie kurz dargelegt werden. Das der Analyse zugrunde liegende phraseologische Sprachmaterial wurde aus schriftlichen Quellen, vor allem aus Spezialwörterbüchern und Pressetexten exzerpiert (Földes 1996:33 ff.). Da die meisten einschlägigen (Dialekt-) Wörterbücher die österreichspezifischen Wendungen allenfalls verzeichnen, ihre Bedeutung und Verwendung aber gar nicht oder nur unzulänglich explizieren, wollte ich diesem Mangel durch die Heranziehung von (Presse-)Texten wenigstens zum Teil abhelfen. Insgesamt weist mein österreichspezifisches Untersuchungskorpus 990 verschiedene Phraseologismen aus. Bei den Ausführungen verweise ich auf die jeweiligen Belegstellen in eckigen Klammern. Bei der Gestaltung der Nennformen der Phraseologismen habe ich mich weitgehend an den in diesen Quellen befindlichen Formen orientiert.
Sprichwortkenntnis in Deutschland und Österreich: Empirische Ergebnisse zu einigen mehr oder weniger gewagten Hypothesen
by Peter Grzybek, Christoph Chlosta
Österreichisches Deutsch, Deutsch als plz Sprache, Sprichwortkenntnis Österreich-Deutschland | pp. 243 – 261 |
Bei der Diskussion um das Österreichische Deutsch ist in den letzten Jahren eine Erweiterung der Perspektive auf fast alle Bereiche der Linguistik erfolgt. Allerdings ist dabei ein Bereich, der an der Grenze zur Folklore bzw. Folkloristik liegt, bislang unverständlicherweise ausgespart geblieben: die Erforschung des österreichischen Sprichwortschatzes, seiner Struktur und Differenz zu anderen nationalen und regionalen Sprichwortmengen. Dieser Umstand ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil Sprichwörter als Einheiten der Sprache und – unter semiotischer Perspektive – als Einheiten der Kultur begriffen werden können; sie bieten somit Raum nicht nur für eigentlich linguistische, sondern auch extralinguistische (sprachübergreifende) Arbeiten. In der folgenden Darstellung wollen wir einen Ausschnitt aus unserer Forschungsarbeit am österreichischen Sprichwortschatz vorstellen; dabei wollen wir auch der Frage nachgehen, die sooft bei der Erforschung des österreichischen Deutsch gestellt worden ist, nämlich, ob es denn nun Differenzen zum „Deutschländischen“ gibt.
Deutsche und österreichische Nachrichtensendungen im Vergleich
by Zrinjka Glovacki-Bernardi
Österreichisches Deutsch, Deutschländisches Deutsch, Nachrichtensendungen, Vergleich | pp. 261 – 264 |
Analysiert wurden zwei Nachrichtensendungen – die ZDF-Sendung heute, täglich um 19 Uhr, und die ORF-Sendung Zeit im Bild 2, täglich um 22 Uhr, die in der Zeit vom 1. bis zum 20. Oktober 1996 gesendet wurden. Beide Nachrichtensendungen werden nach dem gleichen Schema strukturiert: Nachrichten aus dem In- und Ausland, Sport, Wetterbericht. So waren beispielsweise am 18. Oktober die wichtigsten Nachrichten in der Sendung heute: Suche (Fiszman), Kehrtwende (Sparmaßnahmen), Drohung (Lebed) und in der Sendung ZIB 2: Frontalangriff (Spitalsreform des Gesundheitsministeriums), Langwierig (Klestil), Lebed, Wahlen (Japan).
Der Gast kommt mit zehn Broten, ißt eines und läßt neun zurück. Kulturelle Unterschiede bei alltäglichen Sprechhandlungen und Verhaltensformen in Österreich und in der Türkei
by Ayhan Selçuk
Kulturelle Unterchiede Österreich-Türkei, Sprechhandlungen, Verhaltensformen | pp. 267 – 287 |
Während eines Aufenthaltes in Österreich besuchten ein türkischer Freund und ich einen mit uns gut bekannten Österreicher. Wir unterhielten uns über verschiedene Themen und dabei sogar über unterschiedliche Verhaltensweisen in der Türkei und in Österreich. Zwischendurch wollte ich eine Zigarette rauchen und fragte den Gastgeber aus Höflichkeit, ob ich rauchen darf. Er antwortete: „Nein, es tut mir leid, aber wenn Sie unbedingt rauchen wollen, können Sie auf den Balkon gehen.“ Zuerst glaubte ich, daß er einen Witz macht. Denn für mich und für viele Menschen aus der Türkei ist es unvorstellbar, daß der Gastgeber dem Gast das Rauchen nicht gestattet und ihn noch dazu auf den Balkon verweist. Mein Freund und ich sahen uns daher erstaunt an. Da er den Gastgeber aber gut kannte und wußte, dass das ernst gemeint war, sagte er zu mir: „Wir müssen leider auf dem Balkon rauchen.“ Dazu muss man aber wissen, dass es Winter und sehr kalt war. Trotz der bitteren Kälte haben wir dann auf dem Balkon geraucht. Diese Erfahrung war für mich wirklich ein Kulturschock und ein wesentlicher Grund, warum ich auf die Idee gekommen bin, darüber eine Untersuchung zu machen.
Austriazismen bei russischen EmigrantInnen – Einstellungen und Kenntnis des Österreichischen Deutsch. Erste Ergebnisse einer Studie
by Heinrich Pfandl
Österreichisches Deutsch, Kenntnis, Einstellungen, Russische EmigrantInnen | pp. 287 – 306 |
Die in der vorliegenden Arbeit präsentierten Ergebnisse entstammen einer zwischen April 1995 und Mai 1996 in russischer Sprache ausgeführten schriftlichen Befragung von russischsprachigen EmigrantInnen in westlichen Ländern, welche in Form von zwei ausführlichen Fragebögen zu allgemeinen sozialen, kulturellen und sprachlichen Fragestellungen und einem dritten für in Österreich lebende EmigrantInnen in bezug auf ihre Einstellungen zur und Kenntnisse der österreichischen Variante(n) des Deutschen durchgeführt wurde. Ich ging dabei im Einklang mit den Arbeiten von Rudolf Muhr und Michael Clyne (z.B. Muhr, 1993; Clyne, 1995) von der Beschreibungseinheit „Österreichisches Deutsch“ als eine der drei nationalen Varianten des Deutschen aus, die vom Bundesdeutschen einerseits und der deutschen Hochsprache in der Schweiz andererseits abgegrenzt werden kann. Da innerhalb des Bundesdeutschen die Unterschiede zum geographisch entfernteren Norddeutschen größer sind als diejenigen zum Bayrischen, wurde in der Befragung bei einigen Formulierungen der Akzent auf die Unterschiede zum Norddeutschen gelegt.
Österreichisches Deutsch als Exportartikel. Über die Schwierigkeiten der Vermittlung einer nicht näher definierten „Sprache“.
by Christa Fasch
Österreichisches Deutsch, Sprachexport, Definitionsprobleme | pp. 305 – 314 |
Die gegenwärtige Suche nach dem „besonderen Österreichischen“ und der Wunsch, ein zeitgemäßes kulturelles Außenprofil zu etablieren, sind also vorwiegend im Kontext des österreichisch-deutschen Asymmetrieverhältnisses zu sehen, das mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union wie auch durch die Öffnung der Grenzen mittel- und osteuropäischer Staaten an Brisanz gewonnen hat. Dementsprechend ist auch der Diskurs um das „Erdäpfel-Kartoffel-Problem“, sprich das „Österreichische Deutsch“ (in der Folge „ÖD“), in erster Linie ein politischer und erst in zweiter Linie ein linguistischer. Um sich aber sprachlich nach außen hin darstellen zu können, ist man gefordert, seine Argumentation auf linguistische Kriterien zu stützen – und gerade hierin liegt Österreichs Sprachexport-Dilemma: Aufgrund fehlender Normendefinitionen und damit einhergehend einer relativ großen Normenunsicherheit bei österreichischen MuttersprachlerInnen herrscht keine Klarheit darüber, was als standardadäquat und somit als exporttauglich zu betrachten ist. Eine Gleichsetzung von „nationaler Varietät“ mit „nationaler Standardvarietät“ und eine Einschränkung derselben auf kodifizierte, unmarkierte Sprachformen, wie sie etwa Ammons (1995:68ff.) Begriffsdefinition zugrundeliegt, würde in Hinblick auf den derzeitigen Stand des österreichischen Sprachkodexes nur eine äußerst rudimentäre Darstellung dessen rechtfertigen, was ich als ÖD begreife, und die Komplexität der realen sprachlichen Gegebenheiten dieses Landes ignorieren.
Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen Wörterbuch
by Naoji Kimura
Österreichisches Deutsch, Wortschatz, Deutsch-japanisches Wörterbuch | pp. 340 – 330 |
In einem deutsch-japanischen Wörterbuch, das wohl nach dem Goetheschen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre „Meister“ heißt und inzwischen zu weiten Kreisen der japanischen Studenten einen guten Zugang gefunden hat, gilt das sogenannte Duden-Deutsch als richtungweisend. Der aus Wortmaterial aus verschiedenen deutschen Wörterbüchern ausgewählte Wortschatz enthält rund 65.000 Wörter aus der deutschen Gegenwartssprache und wird nicht nur semantisch, sondern auch unter Verwendung der neuen Valenztheorie unter Bezugnahme auf syntaktische Einzelheiten bei Verben und Adjektiven beschrieben. Das Wörterbuch MEISTER enthält allerdings teilweise einen österreichischen Wortschatz, der nach den Angaben in den einschlägigen deutschen Wörterbüchern so bezeichnet wird. Nur weil ich in den letzten Jahren lexikographisch an dem Wörterbuch MEISTER mitgearbeitet habe, erlaube ich mir im folgenden, etwas über den österreichischen Wortschatz zu sagen, wie er in einem deutsch-japanischen Wörterbuch behandelt wird.
Lehrerausbildung Deutsch als plurizentrische Sprache. Ein TEMPUS GEP-Projekt zu Deutsch als plurizentrische Sprache an der Péter Pázmány Katholischen Universität (Ungarn)
by Andrea Károlyi
Leherausbildung Deutsch als plurizentrische Sprache, Ungarn | pp. 330 – 340 |
Der vorliegende Beitrag stellt das im Jänner 1996 bei der Europäischen Stiftung für Berufsbildung (TEMPUS) beantragte und mit dem 1. September 1996 für drei Jahre bewilligte „Gemeinsame Europäische Projekt“ und dessen Ziele und Maßnahmen vor. Wie bekannt, wird Deutsch – diese für die EU aber auch für das Nachbarland Ungarn außerordentlich wichtige Sprache – in den wichtigsten drei deutschsprachigen Ländern (Deutschland, Österreich und der Zentralschweiz) mit zahlreichen dialektalen Färbungen und in voneinander mitunter stark verschiedenen, nationalen Standardvarietäten gesprochen. Der kommunikativ ausgerichtete DaF-Unterricht im Ausland scheint bis jetzt jedoch von dieser Tatsache keine Notiz zu nehmen. Durch die konsequente Anwendung des plurizentrischen Ansatzes will das Projekt – in Zusammenarbeit mit den Vertretern von drei deutschsprachigen Ländern – dieses Defizit zwar schrittweise, doch perspektivisch in ganz Ungarn beheben. Den ersten Schritt dazu stellt ein neu auszuarbeitender Lehrplan auf der Grundlage des plurizentrischen Ansatzes dar, der erstmals an den drei ungarischen Hochschuleinrichtungen die sprachpraktische Ausbildung für ca. 1.000 Germanistikstudenten (künftige Deutschlehrer!) grundlegend umstrukturieren soll. Im einem zweiten Schritt will das Projekt dies mit fachdidaktisch ausgerichteten Fortbildungskursen für Primar- und Sekundarschullehrer tun.
Die Einstellung der deutsprachigen Bevölkerung in Südungarn zum Österreichischen Deutsch in der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg
by Katharina Wild
Österreichisches Deutsch, Einstellungen, Südungarn, 1900-1938 | pp. 340 – 350 |
Unser Untersuchungsgebiet ist das südwestliche Transdanubien, in der Volkssprache „Schwäbische Türkei“ genannt, das seine vorherrschend bäuerlichen Kolonisten nach den Türkenkriegen, im Laufe des 18. Jahrhunderts, erhalten hat. Der genannte Zeitraum ist gekennzeichnet durch die fortschreitende Assimilation der deutschsprachigen städtischen Bürgertums sowie der Intellektuellenschicht, durch das Vordringen des Ungarischen in allen Bereichen des Lebens und bildet somit eine Übergangsphase in der Geschichte der deutschen Sprache in Ungarn. Während am Anfang dieses Zeitabschnittes Deutsch – und zwar dessen österreichisch geprägte Variante – eine anerkannte und geförderte Sprache war, musste sie später an Funktion und Prestige immer mehr einbüßen.
Stirbt die Donaumonarchie erst jetzt endgültig? Das Verschwinden der Austriazismen in der Sprache der Vojvodinaer Serben durch Migration und Emigration
by Maria Dobrenov-Major
Österreichisches Deutsch, Verschwinden, Vojvodina, Serbien, Migration, Emigration | pp. 350 – 372 |
Kriege töten nicht nur Menschen, Städte und Länder, sondern auch Sprachen. Das gilt auch und vor allem für die Sprache der Vojvodinaer Serben. Meine Arbeit beschreibt die Folgen, die sich aus der inneren Migration innerhalb Restjugoslawiens und der starken Emigration im Verlauf des Krieges 1991-1995 für das Vojvodinaer Serbisch ergeben haben, das stark mit Austriazismen durchsetzt und heute durch die Neuansiedlung von Flüchtlingen im Verschwinden begriffen ist. Die Vojvodina war bis 1989 ein autonomes Gebiet innerhalb Jugoslawiens und blickt auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. In gewissem Sinn ist/war das Vojvodinaer Serbische eine nationale Variante des Serbischen, deren Prägung auf den Einfluss des Österreichischen Deutschen zur Zeit der Donaumonarchie zurückgeht.
Nettes Schimpfen. Zur Übernahme von Schimpfwörtern aus dem deutsch-österreichischen Sprachraum in den kajkawischen Dialekt
by Renata Horvath-Dronske
Österreichisches Deutsch, Schimpfwörter, Entlehnung, Kroatien, Kajkawisch | pp. 372 – 379 |
Diese Arbeit setzt sich mit den aus dem deutschen bzw. österreichischen Sprachraum stammenden Schimpfwörtern auseinander, die in den kajkawischen Dialekt von Hrvatsko zagorje übernommen worden sind, sich anschließend eingebürgert haben und die neben den einheimischen Formen des Fluchens relativ häufig gebraucht werden, zudem nicht nur im mündlichen Sprachgebrauch wiederzufinden sind, sondern auch in den regionalen Presseerzeugnissen vorkommen.
Das Lehnwort als Heimat. Zu Pavao Pavlicic’ Roman Sapudl
by Ulrich Dronske
Detusche Lehnwörter, Kroatische Literatur, Pavao Pavlicic’ Roman Sapudl |
Dem Titel meines Beitrags können Sie entnehmen, dass ich hier nicht ein klassisch linguistisches Referat zu halten gedenke. Mein Thema Das Lehnwort als Heimat ist vielmehr im Grenzbereich zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft angesiedelt; es handelt von der literarischen Inszenierung eines linguistischen Phänomens, konkret von der ästhetischen Verwertung des Lehnwortes in einem Text, der dieses Projekt bereits in seinem Titel andeutet: Der von Pavao Pavlicic verfaßte autobiographische Roman ist mit Sapudl betitelt, folglich mit einem Wort, das – so das erzählende Ich in dem mit „prolog“ überschriebenen Vorspann – sich von der Phrase Schau, Pudel! oder von dem Wort sputen herleiten könnte, also aller Wahrscheinlichkeit nach aus der deutschen Sprache entlehnt wurde. Die einst vom Volksmund mit Sapudl bezeichnete Straße in einem Randbezirk Vukovars, in der das Geburtshaus des Autors vermutlich eher stand als heute noch steht, bildet das zugleich sprachlich wie räumlich ver-rückte Zentrum des auf kroatisch abgefaßten Romans. Das in die Position des Titels verschobene Lehnwort schärft so vielleicht von Anbeginn an den Blick für jene Ebene hinter dem autobiographisch sich gebenden Bericht, auf der ein deutlich magisches Sprachverständnis den Prozeß einer erinnernden Vergegenwärtigung des gleich in zweifacher Hinsicht Verlorengegangenen mit Substanz auszustatten sich anschickt. Denn das, was der Text an Ausgelöschtem wieder spürbar machen soll, ist nicht nur lebensgeschichtlich passé, es ist zudem durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien auch in seinen materiellen Überresten vernichtet.
Sachregister und Wortregister
by Rudolf Muhr, Richard Schrodt
Sachregister und Wortregister zum Sammelband ÖD und dandere nationale Varietäten plurizenrischer Sprachen in Europa | pp. 392 – 417 |